Eva

Ich bin mit Katzen groß geworden. Und trotzdem kann ich euch nichts Nennenswertes über Katzen erzählen. Ich selbst will hier als bestes Beispiel antreten und damit sagen, dass nur weil man mit bestimmten Tieren groß geworden ist (Stichwort „20 Jahre Hundeerfahrung“), das noch rein gar nichts über die Qualität des Wissens und der Erfahrung aussagt. Nur weil ich seit über 30 Jahren mit einem Herd zusammenlebe, kann ich noch lange nicht zwingend kochen.

Meine Hundekarriere begann also anders, als man es von den meisten „Hundefachleuten“ liest. Ich bin nicht mit Hunden groß geworden, aber es gab tatsächlich Hunde in meiner Verwandtschaft – und zwar die „Unberechenbaren“. Vom bissigen Schäferhund bis zum unerzogenen Boxer war so einiges dabei. Das Highlight war der Rottweiler Junghund, der mir in meinen Kinderarm biss. Vor Hunden muss man aufpassen, so wurde es mir gelehrt. Stigmatisierte Meinungen. Nie hinterfragt.

Und so wurde ich als Studentin während meines Auslandsaufenthaltes in Sydney (Australien) ins kalte Wasser geworfen.

Ich, in Geldnot, arbeitete zusätzlich als Dogwalkerin bei Gorgeous Pawgeous. Hier lernte ich die unterschiedlichsten Hundepersönlichkeiten und Hunderassen kennen, die Sydney so zu bieten hatte. Unter anderem auch die (bei uns so verschrienen) Staffords, die mein Herz im Sturm eroberten.

Schnell durfte und musste ich lernen was es bedeutet, wenn nicht jeder Hund mit jedem anderen Hund problemlos laufen konnte, warum manche Hunde einzeln ausgeführt werden mussten, und warum andere wiederum mit Maulkorb in der Gruppe laufen konnten. Der Unterschied zwischen Genetik und Erziehung kristallisierte sich bereits hier und schulte meinen Blick.

2015 zog mein erster eigener kleiner Hund ein, ein American Staffordshire Terrier.

Und obwohl ich bereits sehr lehrreiche Erfahrungen mit diesen Hunden sammeln durfte, stellte dieser kleine Mann mein komplettes Hundebild noch mal auf den Kopf. Es gab keine Frage, die er mich nicht gefragt hätte und es gab keine gängige Methode, die er nicht hinterfragt hatte. Und so scheiterten wir mit mehreren Hundeschulen, Hundetrainern und Hundeplätzen. Es begann mein eigenes Selbststudium zum Thema Hund – denn ich wollte mich nicht damit abfinden, dass angeblich alles, was ich mit diesem Hund noch erreichen wollte, laut Trainern nicht möglich war. Unzählige Bücher, Seminare, Videos und Workshops wurden meine täglichen Begleiter. Und dabei habe ich vor allem eins gelernt: tausend Wege führen nach Rom, und den einen richtigen Weg, den gibt es nicht. Und nur weil Weg X nicht funktioniert, heißt das weder, dass es Hund und Halter „niemals“ lernen werden noch dass Weg Y verborgen bleiben muss. Bis heute ist dieses kleine 34 Kilo Hündchen mein größter Lehrmeister, der niemals unreflektiert Ja und Amen sagen würde und mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

2015 – 2017

arbeitete ich zusätzlich zu meinem Hauptberuf im Tierheim als Tierpflegerin im Sonn- und Feiertagsdienst (für Hunde, Schwerpunkt: Listenhunde). Zusätzlich habe ich einen Verein für Listenhunde aktiv mitbetrieben, Tierschutzhunde ehrenamtlich rückgearbeitet und privaten Hunden zurück auf die rechte Bahn geholfen. In dieser Zeit wurde mir besonders klar, was durch falsch verstandene Tierliebe, fehlendes oder falsches Wissen für Konsequenzen (und zwar für die Hunde!) nach sich zieht.

Und so startete ich 2017 mit dem Instagram-Account „ListenhundLiebe“

und hatte dabei ein Ziel: ich will weniger Hunde im Tierheim sehen. Und das bedarf Aufklärung – und zwar BEVOR die Hunde im Tierschutz landen. Bis heute führe ich täglich diesen Account, versuche immer wieder auf alltägliche Dinge hinzuweisen und lasse meine Follower an meinem Leben mit Listenhund teilnehmen. Ich lernte (und lerne bis heute) hier noch mal eine ganz leise Seite der meisten Hundehalter kennen, die mich täglich durch ihre Fragen und Nachrichten erreichen. Es ist die Seite fernab von Hundetraining, ganz nah am Hundeverständnis bzw. Missverständnis und zeigt mir genau, wo ich im „Training“ teilweise überhaupt ansetzen muss.

Ich habe das Unternehmen „ListenhundLiebe“ gegründet und das „Reflexionsbuch für Hundehalter*innen“ entwickelt. Hierbei soll mehr Bewusstsein und Fairness durch tägliches und ehrliches Reflektieren in Hund-Mensch-Teams gebracht werden.

Von der Berufung zum Beruf

2018-2019 arbeitete ich in einer Hundeschule, gab Einzeltrainings, Gruppenkurse und deutschlandweit Seminare, während ich parallel 2019 eine „Ausbildung“ zur Hundetrainerin begann und 2020 erfolgreich abgeschlossen habe.

2020 wurde ich zusätzlich durch das Veterinäramt Main-Kinzig-Kreis geprüft und habe meine Erlaubnis nach § 11 Abs. 1 Nr. 8f TSchG erhalten. Seitdem ist die mobile Hundeschule „Charakterköpfe“ geboren.

Ende 2020 zog die 3-jährige Malinois Hündin aus einem Tierheim bei uns ein

und brachte ihre „rassetypischen Baustellen“ mit (stereotypisches Verhalten, niedrige Frustrationstoleranz, Kontrollzwang, nicht alleine bleiben können, unkontrolliertes Schutzverhalten sowie starke Eifersucht, ausgeprägtes Beutefangverhalten, keine Impulskontrolle uvm.). Auf meiner Instagramseite „ListenhundLiebe“ sieht man meine Rückarbeit mit ihr in monatlich dokumentierten Highlights. Sie begleitet mich regelmäßig im Training und ist mittlerweile eine zuverlässige Mitarbeiterin geworden.